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Energiemanagement Lastmanagement: Spitzen kappen, Kosten senken

Volatile Energiepreise, steigende Netzentgelte und strengere Vorgaben machen Lastmanagement zu einem der schnellsten wirtschaftlichen Hebel im Energiemanagement. Wer Lastspitzen systematisch glättet, senkt die jährlichen Leistungskosten, reduziert Nebenkostenrisiken und schafft Spielräume für flexible Beschaffungsmodelle. Dieser Leitfaden zeigt, wie Unternehmen 2025 Lastspitzen praxisnah identifizieren, wirksam kappen und messbar Kosten senken.

Warum Lastmanagement jetzt ganz oben auf die Agenda gehört

  • Leistungspreise sind für RLM‑Kunden ein wesentlicher Kostenblock. Abgerechnet wird oft auf Basis der höchsten 15‑Minuten‑Leistung eines Monats oder Jahres, je nach Netzbetreiber und Tarifmodell. Jede unnötige Spitze verteuert das ganze Jahr.
  • Flexiblere Produktionsplanung, Batteriespeicher und smarte Steuerungen sind verfügbar und reif. Viele Maßnahmen amortisieren sich binnen 6 bis 24 Monaten, wenn die technischen Voraussetzungen stimmen.
  • Lastmanagement stärkt die Verhandlungsmacht in der Beschaffung, insbesondere bei Spot‑ oder Hybridverträgen, da planbare Lastprofile Preis- und Risikoaufschläge senken können.

So wirken Lastspitzen auf Ihre Stromrechnung

Die meisten Netzentgelte bestehen aus Arbeitspreisen (ct/kWh) und Leistungspreisen (€/kW pro Abrechnungsperiode). Der Leistungspreis bezieht sich auf den höchsten gemessenen 15‑Minuten‑Mittelwert der Wirkleistung innerhalb der relevanten Periode.

Formel für die grobe Einsparung durch Peak Shaving:

Einsparung pro Jahr, in Euro, gleich Reduzierte Spitzenleistung, in kW, mal Leistungspreis, in €/kW pro Jahr.

Beispiel, Annahme, nicht allgemein gültig: Senken Sie Ihre Jahresspitze um 300 kW und beträgt der Leistungspreis 120 €/kW pro Jahr, spart Ihr Unternehmen rund 36.000 € pro Jahr. Zusätzlich können sich Blindleistungs- oder Messentgelte verbessern, wenn Steuerung und Antriebstechnik optimiert werden.

Wichtig: Prüfen Sie in Ihrem Netzgebiet, ob die Abrechnung auf Jahres- oder Monatsmaxima basiert und welche Sonderregelungen gelten. Details stehen in Ihrem Netznutzungsvertrag und Preisblatt des Netzbetreibers.

Die fünf praxistauglichen Hebel zum Spitzenkappen

  1. Lastverschiebung, Shifting: zeitliche Verlagerung energieintensiver Schritte, etwa Vorwärmen, Spülen, Waschen, Mahl- oder Mischprozesse, außerhalb der firmenspezifischen Peak‑Fenster. Geeignet, wenn Prozessketten Puffer zulassen.
  2. Lastabwurf, Shedding: kurzzeitiges Abschalten nicht kritischer Verbraucher, zum Beispiel Zusatzlüftungen, Komfortwärme, einzelne Kompressoren oder Umwälzpumpen, wenn ein frei definierter Cap droht.
  3. Substitution: Einspeisung aus Eigenerzeugung, etwa BHKW oder Notstromaggregat im Netzparallelbetrieb, zur Entlastung von Spitzen. Technische und genehmigungsrechtliche Bedingungen beachten.
  4. Speicher, Batteriespeicher und thermische Speicher: gezieltes Entladen im Peak, Laden in Nebenzeiten. Batterien sind besonders wirksam bei kurzen, wiederkehrenden Spitzen.
  5. Prozess- und Antriebsoptimierung: sanfte Hochläufe, Drehzahlregelung, Druckbandbreiten im Druckluftnetz erweitern, Gleichlauf von Großantrieben vermeiden. Diese Maßnahmen senken Spitzen an der Ursache und verbessern oft zugleich die Energieeffizienz.

Tageslastgang eines Industriebetriebs mit markierten 15‑Minuten‑Maxima, darunter ein zweites Profil mit aktivem Peak Shaving durch Speicherentladung und Lastverschiebung, sichtbare Reduktion der höchsten Viertelstunde um mehrere hundert kW.

Daten zuerst: Was Sie für wirksames Lastmanagement brauchen

  • RLM‑Lastgänge in 15‑Minuten‑Auflösung für mindestens 12 Monate, plus Ereignisdaten, etwa Schichtwechsel, Anfahrprozesse, Reinigungen, Wartungen.
  • Granulare Maschinen- oder Unterzählerinformationen, bevorzugt im Sekundenbereich, um die Verursacher von 15‑Minuten‑Maxima eindeutig zuzuordnen.
  • Netzanschluss- und Vertragsdaten, etwa vereinbarte Netzanschlussleistung, zulässige Kurzzeitüberlasten, Blindleistungsgrenzen, Messkonzept.
  • Einfache Echtzeit‑Visualisierung, Ampelwerte und Alarme bei Cap‑Annäherung.

Typischer Irrtum: Nur sehr kurze Lastspitzen, wenige Sekunden, seien irrelevant. Entscheidend ist der 15‑Minuten‑Mittelwert. Selbst 3 bis 5 Minuten hohe Leistungen können den Viertelstundenwert und damit die Abrechnung nach oben ziehen, wenn der Rest der Viertelstunde bereits überdurchschnittlich ist.

Steuerungsprinzipien, die in der Praxis funktionieren

  • Soft‑Cap mit Vorwarnung, die Steuerung kündigt bei 80 bis 90 Prozent Cap eine Eskalationskaskade an, erst Verschiebung, dann Speicher, zuletzt definierter Abwurf.
  • Anfahrmanagement, sequentielle Starts großer Verbraucher mit Mindestabständen und Rampen, um Häufungen zu vermeiden.
  • Prognosegestütztes Shaving, Nutzung von Produktionsplan, Wetter und lastgangbasierten Modellen, um Peaks vorauszuberechnen und Speicher optimal zu fahren.
  • Qualitäts- und Sicherheitslogik, definieren Sie No‑Go‑Verbraucher und maximale Unterbrechungszeiten, plus automatische Rücknahme bei Produktionsbedarf.

Technologien im Überblick

Technologie Typischer Nutzfall Stärken Grenzen
Batteriespeicher, 0,5 bis 2 h Kurzzeitspitzen, wiederkehrend Sehr präzise, schnell, skalierbar Capex, Platz, Lebensdauer beachten
Thermischer Speicher, Kälte/Wärme Vor- oder Nachlauf von Heizung, Kühlung Günstig pro kWh, gute Synergien Prozessabhängig, Trägheit
BHKW/Notstrom parallel Substitution aktiver Leistung im Peak Hohe kW‑Wirkung, nutzbar für Wärmelast Brennstoffpreis, Genehmigung, Emissionen
Druckluftnetz als Puffer Kurzzeitige Entkopplung Kompressor/Verbrauch Geringe Zusatzinvestitionen Anwendungs- und Sicherheitsgrenzen
VSD/Sanfte Rampen Reduziert Peaks an der Quelle Niedrige Opex, Effizienzplus Nur wirksam, wenn Lasten steuerbar

Hinweis zu Wirtschaftlichkeit: Speicher rechnen sich insbesondere bei kurzen, häufigen Peaks. Je flacher und breiter die Spitzen, desto attraktiver werden Prozessoptimierung und Shifting.

Regulatorische Hebel und Tarifthemen, die Sie prüfen sollten

  • Individuelle Netzentgelte, atypische Netznutzung gemäß § 19 StromNEV: In vielen Netzgebieten sind Entlastungen möglich, wenn Ihre Lastspitzen systematisch außerhalb der vom Netzbetreiber definierten Hochlastzeitfenster liegen. Erfordert ein technisches Konzept, verbindliche Nachweise und fristgerechten Antrag. Prüfen Sie lokale Vorgaben und Fristen, oft bis 30. September für das Folgejahr.
  • Blindleistung: Viele Netzbetreiber berechnen Entgelte, wenn der Leistungsfaktor unter eine Grenze fällt, häufig cos phi 0,9. Lastmanagement sollte immer mit Blindleistungsführung und Kompensationsanlagen gedacht werden.
  • Netzanschluss und Vertragsklauseln: Prüfen Sie die vereinbarte Anschlussleistung, eventuelle Mehrleistungspreise sowie Liefervertragsklauseln, die Flexibilität belohnen oder einschränken. Für Spot- und Hybridverträge sind verlässlich geglättete Lastprofile ein Argument gegen Risikoaufschläge.

KPIs, die Lastmanagement steuerbar machen

KPI Definition Zielkorridor, typisch Nutzen
kW‑Peak Jahr Höchster 15‑Minuten‑Wert im Kalender- oder Lieferjahr Jährlich sinkend Direkter Treiber des Leistungspreises
Peak‑Index P95 95. Perzentil der 15‑Minuten‑Leistung Nah am Cap, aber stabil Robust gegen Ausreißer
Peak‑Dauer Anzahl Viertelstunden über definierter Schwelle Reduzieren Zeigt Übersteuerung statt Einzeltreffer
Gleichlauf‑Faktor Anteil gleichzeitiger Großlasten Senken Identifiziert Koordinationspotenzial
Speicher‑Trefferquote Anteil korrekt vorausgesagter Peak‑Events Über 80 Prozent Belegt Reife der Steuerung

Verankern Sie die Ziele in ISO‑50001‑konformen EnPIs. Informationen zur Norm bietet die ISO.

90‑Tage‑Blueprint für mittelständische Werke

Woche 1 bis 3, Daten und Diagnose: Lastgänge und Unterzähler einlesen, Top‑10‑Peakverursacher identifizieren, Cap‑Szenarien simulieren, Blindleistung und Anschlussleistung prüfen.

Woche 4 bis 6, Design und Governance: Cap definieren, Eskalationskaskade festlegen, No‑Go‑Listen, Verantwortlichkeiten, Betriebsanweisungen, Sicherheits- und Qualitätsfreigaben. Entscheidung zu Quick Wins, etwa Rampen, Startsequenzen, Temperaturbandbreiten, und zur Speicherpräqualifikation, falls sinnvoll.

Woche 7 bis 10, Umsetzung Quick Wins: Parametrieren von Antrieben und Regelungen, Schicht- und Reinigungsfenster umsortieren, Echtzeit‑Dashboards und Alarme live schalten, Testbetrieb mit Soft‑Cap und Monitoring.

Woche 11 bis 13, Feinschliff und Skalierung: Cap nachregeln, Wochentagsmuster ergänzen, Sondertage und Instandhaltung einpflegen, Wirtschaftlichkeit dokumentieren, Entscheidungsvorlage für Speicher, Eigenerzeugung oder vertiefte Prozessmaßnahmen.

Beispielrechnung aus der Praxis, mit Richtwerten

Ausgangslage: Jahresspitze 1,8 MW, Ziel 1,3 MW, also 500 kW Reduktion. Teilen sich die Peaks etwa zu gleichen Anteilen auf kurze und mittlere Dauer, lässt sich eine Kombination aus geänderter Startlogik, 0,5 bis 1 Stunde Batteriespeicher und moderater Lastverschiebung realisieren.

  • Ersparnis Leistungspreis: 500 kW mal individueller Leistungspreis Ihres Netzbetreibers, zum Beispiel 120 €/kW pro Jahr, gleich 60.000 € pro Jahr.
  • Zusatzeffekte: weniger Blindleistungsentgelte, geringere Risikoaufschläge in der Beschaffung, potenziell bessere Voraussetzung für Anträge auf besondere Netzentgelte.
  • Invest: Quick‑Wins oft im niedrigen fünfstelligen Bereich, Batteriespeicher abhängig von Leistung und Energieinhalt. Eine seriöse Bewertung rechnet immer Standortlastgänge, Zyklen und Degradation durch.

Alle Werte sind beispielhaft. Ihre realen Einsparungen hängen von Netzgebiet, Tarif, Laststruktur und technischen Optionen ab.

Typische Stolperfallen und wie Sie sie umgehen

  • Kein Abgleich mit Qualitäts- und Sicherheitszielen: Definieren Sie technische und prozessuale Grenzen, bevor Sie Caps aktivieren.
  • Zu spätes Anfahren der Gegenmaßnahmen: Ohne Prognose bleiben nur harte Abschaltungen. Besser ist eine Vorwarnlogik mit Staffelung.
  • Unvollständige Datenlage: Ohne Unterzähler bleibt die Zuordnung vage. Starten Sie notfalls temporär mit mobilen Messungen an Großverbrauchern.
  • Speicher falsch dimensioniert: Entscheidend sind nicht Maximallast und Tagesenergie, sondern Häufigkeit, Dauer und Höhe der Spitzen.
  • Vertragsdetails ignoriert: Überschreitungen der Anschlussleistung, Blindleistungsgrenzen oder Messkonzeptfehler können Einsparungen wieder auffressen.

Wie Lastmanagement Ihre Beschaffungsstrategie stärkt

  • Spot/Index: Gekappte Peaks reduzieren die Exponierung in teuren Stunden und verringern das Volatilitätsrisiko im Cashflow.
  • Tranchen/Hybrid: Stabilere Profile erleichtern die Prognose und verbessern die Bepreisung in Ausschreibungen, da Profil- und Risikoaufschläge sinken können.
  • PPA und Eigenerzeugung: Lastmanagement erhöht die Eigenverbrauchsquote, weil flexible Prozesse Erzeugungsspitzen besser nutzen.

Gas, Wärme und Druckluft nicht vergessen

Auch in Gasnetzen existieren teils leistungsabhängige Komponenten. Kurzfristige Reduktion der Gaslast in Peakstunden, etwa durch thermische Speicher, kann vertragliche Leistungsspitzen mindern. In Querschnittstechnologien wie Druckluft ergeben sich oft schnelle Hebel, zum Beispiel durch Bandbreitensteuerung und Puffer.

Industrieareal mit Mittelspannungsstation, Container-Batteriespeicher, BHKW und Leitwarte, auf Bildschirmen ein Lastgang-Dashboard mit 15‑Minuten‑Werten und aktiver Cap‑Linie, technisches Team diskutiert Schichtplan und Peak-Shaving‑Strategie.

Governance, IT‑Sicherheit und Betrieb

  • Verantwortlichkeiten: Ein Owner für Cap‑Einstellungen, ein Vertreter aus der Produktion, ein Experte für Steuerungstechnik, regelmäßiger Jour fixe.
  • Schutz und IT: Steuerungen segmentieren, Updates planen, Fernzugriffe absichern, Fallback auf manuellen Betrieb definieren.
  • Controlling: Monatlicher Peak‑Report mit Ursachenanalyse, Abgleich gegen Budget und dokumentierte Maßnahmenwirksamkeit.

BVGE‑Unterstützung für Ihr Lastmanagement

Der BVGE vertritt gewerbliche Energienutzer und unterstützt Unternehmen bei professionellem Energiemanagement. Über die BVGE Consulting GmbH erhalten Sie unabhängige Unterstützung bei Energieeinkauf und umfassenden Energielösungen, einschließlich der Konzeption und Umsetzung von Lastmanagement sowie der Prüfung tariflicher und regulatorischer Optionen.

Wenn Sie Lastspitzen nachhaltig kappen und Ihre Energiekosten planbar senken möchten, sprechen Sie uns an. Wir analysieren Ihre Lastgänge, identifizieren wirtschaftliche Maßnahmen und begleiten Sie von der Ausschreibung über die Vertragsprüfung bis in den laufenden Betrieb.

Hinweis: Rechtliche und tarifliche Rahmenbedingungen können je Netzgebiet variieren. Bitte prüfen Sie die aktuellen Vorgaben Ihres Netzbetreibers und die einschlägigen Regelungen, zum Beispiel § 19 StromNEV.

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