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Energiemanagement im Unternehmen: Aufbau, Rollen, Kennzahlen

Energie ist für viele Betriebe längst nicht mehr nur ein Kostenblock, sondern ein strategischer Produktionsfaktor und ein Risikothema. Volatile Großhandelspreise, neue Effizienzpflichten, steigende Anforderungen an Nachweisführung und interne ESG-Berichte erhöhen den Druck, Energiemanagement im Unternehmen als wiederholbaren Prozess aufzusetzen, statt punktuell „Energiesparprojekte“ zu starten.

Ein praxistaugliches Energiemanagement beantwortet dabei drei Fragen zuverlässig:

  • Wo wird wie viel Energie wofür verbraucht (Transparenz)?
  • Warum weicht der Verbrauch von Erwartungen ab (Ursachen, Normalisierung)?
  • Welche Entscheidungen senken Kosten und Risiken messbar (Steuerung)?

Energiemanagement ist ein Betriebssystem, kein Projekt

Viele Unternehmen verwechseln Energiemanagement mit Effizienzmaßnahmen. Effizienz ist wichtig, aber ohne System passieren typischerweise drei Dinge: Maßnahmen werden nicht nach Wirtschaftlichkeit priorisiert, Einsparungen sind nicht sauber nachweisbar, und nach ein paar Monaten geht der Effekt wieder verloren.

Ein belastbares Energiemanagement kombiniert deshalb:

  • Governance (Ziele, Zuständigkeiten, Entscheidungswege)
  • Daten und Messkonzept (Zählerstruktur, Lastgänge, Kosten- und Vertragsdaten)
  • Kennzahlen und Reporting (EnPIs/KPIs, Baselines, Abweichungsanalysen)
  • Maßnahmensteuerung (Portfolio, CAPEX/OPEX, M&V)
  • Verzahnung mit Energieeinkauf (Mengen, Profile, Risiken, Vertragslogik)

Wenn Sie normativ arbeiten (oder müssen), ist die DIN EN ISO 50001 das gängige Rahmenwerk. Entscheidend ist jedoch: Auch ohne Zertifizierung brauchen Unternehmen dieselben Grundlagen, wenn sie Kosten und Risiken dauerhaft steuern wollen.

Aufbau: So entsteht ein funktionierendes Energiemanagement im Unternehmen

Statt „Big Bang“ funktioniert in der Praxis ein stufenweiser Aufbau am besten. Ziel ist ein Minimum Viable Energy Management, das schnell Nutzen liefert und anschließend ausgebaut wird.

Reifegrade, die in der Praxis funktionieren

Reifegrad Woran Sie es erkennen Typischer Nutzen
Start (Transparenz) Erste Zählerlogik, grobe Verbrauchergruppen, Energiekosten klar zugeordnet Sofortige Kostentransparenz, erste Quick Wins
Stabil (Steuerung) Regelmäßiges Reporting, Verantwortliche je Standort/Anlage, Maßnahmenpipeline Wiederholbare Einsparungen, weniger „Blindflug“
Optimiert (Prozess) Baselines, Normalisierung, M&V-Logik, auditfähige Dokumentation Nachweisbare Ergebnisse, bessere Investitionsentscheidungen
Integriert (Strategie) Energiemanagement, Einkauf, Produktion und ESG eng gekoppelt Geringere Preis- und Mengenrisiken, höhere Resilienz

Ein häufiger Fehler ist, sofort in „Optimiert“ zu springen (Software, Dashboards, Zertifizierung) ohne belastbare Datengrundlage und klare Rollen. Das führt zu hohen Kosten, aber wenig Wirkung.

Die vier Bausteine, die Sie zuerst setzen sollten

1) Scope und Ziele definieren

  • Welche Standorte, Medien (Strom, Gas, Wärme, Dampf, Druckluft) und Prozesse sind im Fokus?
  • Welche Ziele sind vorrangig: Kosten, Versorgungssicherheit, Compliance, CO2, Produktionsstabilität?

2) Daten- und Messkonzept pragmatisch aufbauen

Sie brauchen nicht überall Submetering, aber Sie brauchen eine Struktur, die Entscheidungen ermöglicht. Startpunkt ist meist:

  • Hauptzähler und Lastgangdaten (15-min oder stündlich, je nach Messkonzept)
  • Kosten- und Tarifdaten (Leistungs-/Arbeitspreise, Netzentgelte, Umlagen, Steuern)
  • Produktions- oder Nutzungsdaten für spezifische Kennzahlen (Output, Betriebsstunden, Ausbringung)

3) Reporting-Rhythmus und Abweichungslogik festlegen

Ein Monatsreport ohne Abweichungsanalyse ist Buchhaltung, kein Energiemanagement. Gute Reports beantworten: Was ist anders als erwartet, und warum?

4) Maßnahmenportfolio mit Priorisierung etablieren

Mindestens drei Klassen trennen:

  • OPEX/Prozess (z. B. Parameter, Betriebsführung, Wartung)
  • CAPEX (z. B. Antriebe, Kälte, Abwärme)
  • Beschaffung/Flexibilität (z. B. Lastspitzen, Fahrpläne, Produktmix)

Wenn Sie einen schlanken Einstieg suchen, ist eine strukturierte Checkliste oft der schnellste Hebel. Passend dazu: Einführung Energiemanagement, Checkliste für den schnellen Start.

Schematische Darstellung eines Unternehmensstandorts mit Energieflüssen: Strom- und Gaszähler, Unterzähler für Produktion, Gebäude und Druckluft, Datenfluss in ein zentrales Energiereporting mit KPIs.

Rollen: Wer macht Energiemanagement im Unternehmen wirklich?

Energiemanagement scheitert selten an Technik, sondern an Zuständigkeiten. Wichtig ist weniger ein „großes Team“, sondern klare Schnittstellen zwischen Betrieb, Einkauf, Controlling und Management.

Kernrollen und typische Verantwortungsbereiche

Rolle Fokus Typische Entscheidungen/Outputs
Geschäftsführung / Werkleitung Mandat, Prioritäten, Budget Ziele, Freigaben, Eskalationen, Management Review
Energiemanagement (intern oder extern) System, Daten, Kennzahlen, Maßnahmensteuerung KPI-Set, Baselines, Maßnahmenportfolio, Wirksamkeitsnachweise
Produktion / Betrieb Prozessführung, Betriebsparameter Lastprofile, Fahrweise, Energieverbrauch pro Auftrag/Schicht
Instandhaltung / Technik Verfügbarkeit, Effizienz der Anlagen Wartungspläne, Leckageprogramme, Retrofit-Entscheidungen
Einkauf / Energieeinkauf Vertrags- und Beschaffungsstrategie Produktmix (Fest/Index/Hybrid), Laufzeiten, Risikorahmen
Controlling / Finanzen Kostenrechnung, Budgets, Investitionsrechnung Budgettracking, CAPEX-Bewertungen, Einspar-Controlling
IT / OT / Datenmanagement Datenintegration, Sicherheit, Systembetrieb Schnittstellen, Datenqualität, Berechtigungen, Backup

Wichtig: Energiemanagement ist keine „Stabsaufgabe“, wenn es Wirkung entfalten soll. Produktion und Instandhaltung müssen operative Hebel bewegen können, und Einkauf/Controlling müssen mit denselben Zahlen arbeiten.

Wenn Sie ISO-orientiert vorgehen oder ein Energieteam formalisieren wollen, finden Sie dazu vertiefend einen eigenen Praxisleitfaden: Energieteam nach ISO 50001: Rollen, Aufgaben, Best Practices.

Governance in einem Satz: Wer entscheidet was, wie oft?

In der Praxis bewährt sich:

  • Wöchentlich oder 14-tägig (operativ): Abweichungen, Störungen, Lastspitzen, kurzfristige Maßnahmen
  • Monatlich (steuernd): KPI-Review, Maßnahmenstatus, Budget und Einspartracking
  • Quartalsweise oder halbjährlich (strategisch): Investitionsentscheidungen, Beschaffungsstrategie, Zielanpassungen

Die Regel ist: Je volatiler Ihre Preise und je höher Ihre Leistungskosten, desto kürzer sollte der operative Takt sein.

Kennzahlen: Welche KPIs im Energiemanagement wirklich steuern

Kennzahlen sind nur dann hilfreich, wenn sie eine Entscheidung auslösen können. Ein KPI ohne Owner, Datenquelle und Reaktionslogik ist Dekoration.

Ein praxistaugliches KPI-Set (ohne Overkill)

Die meisten Unternehmen kommen mit 8 bis 15 Kernkennzahlen aus, wenn diese sauber definiert sind.

KPI-Kategorie Beispiel-KPI Formel/Definition (Beispiel) Zweck
Verbrauch (absolut) Stromverbrauch Standort kWh pro Monat (Hauptzähler) Überblick, Trend, Plausibilisierung
Verbrauch (spezifisch) kWh pro Stück / pro t / pro Betriebsstunde kWh / Outputgröße Vergleichbarkeit trotz Auslastung
Kosten Energiekosten gesamt EUR pro Monat (inkl. Leistung/Arbeit) Budgetsteuerung, Abweichungen
Leistung/Lastspitzen Monatliche Maximalleistung kW max (Messperiode) Leistungskosten senken (Peak Shaving)
Beschaffung Beschaffungsindex realer Arbeitspreis vs. Referenz (intern definiert) Transparenz über Einkaufsperformance
Prozess/Kritische Anlagen Anlagen-KPI z. B. kWh pro Charge, pro Batch Ursachenanalyse, Betriebsoptimierung
Qualität der Daten Datenvollständigkeit % vollständige Messwerte je Zählpunkt Auditfähigkeit, Verlässlichkeit
CO2 (optional) Emissionen Scope 2 Methodik nach gewähltem Standard ESG-Reporting, Zielverfolgung

Hinweis: Bei CO2-Kennzahlen hängt die korrekte Berechnung vom gewählten Standard (z. B. location-based oder market-based) und den verfügbaren Nachweisen ab. Wenn Sie CO2 reporten, definieren Sie die Methodik schriftlich und konsistent.

Vertiefung, wenn Sie EnPIs auditfest definieren wollen (inklusive Baselines und Normalisierung): Energiekennzahlen nach ISO 50001: KPIs richtig definieren.

KPI-Steckbrief: Die Definition, die Audits und Managemententscheidungen überlebt

Ein bewährtes Format ist ein einseitiger KPI-Steckbrief. Er verhindert Missverständnisse zwischen Technik, Controlling und Einkauf.

Feld im KPI-Steckbrief Inhalt
Name und Ziel Was wird gesteuert, welche Entscheidung soll möglich sein
Geltungsbereich Standort, Medium, Anlage, Prozess
Formel und Einheiten Eindeutig, inkl. Zähler-/Datenpunkte
Datenquellen Zähler, ERP, MES, Rechnungen, Lieferantendaten
Rhythmus täglich, wöchentlich, monatlich
Owner Verantwortlich für Plausibilisierung und Maßnahmen
Baseline / Referenz Bezugszeitraum, Normalisierung, Annahmen
Reaktionslogik Was passiert bei Abweichung (und ab welcher Schwelle)

Damit wird aus „Zahlen liefern“ eine Steuerungslogik.

Verknüpfung von Energiemanagement und Einkauf: Wo die großen Effekte liegen

Viele Unternehmen optimieren entweder den Betrieb oder den Einkauf, aber nicht beides gemeinsam. Dabei entstehen die stärksten Effekte genau an der Schnittstelle:

  • Bessere Lastprofile können Beschaffungsprodukte und Netzkosten verbessern.
  • Saubere Mengen- und Profilprognosen reduzieren Risikoaufschläge in Angeboten.
  • Lastmanagement senkt Leistungspreise und kann Flexibilität für künftige Tarifmodelle schaffen.

Wenn Lastspitzen bei Ihnen relevant sind, lohnt ein eigener Fokus. Vertiefend: Energiemanagement und Lastmanagement: Spitzen kappen, Kosten senken.

Typische Stolperfallen beim Aufbau (und wie Sie sie vermeiden)

Kennzahlen ohne Kontext: Ein sinkender absoluter Verbrauch ist nicht automatisch gut, wenn gleichzeitig Output sinkt oder Qualität leidet. Nutzen Sie spezifische KPIs und Normalisierung.

Zu viel Tool, zu wenig Messlogik: Software ersetzt keine Zählerstruktur, keine Datenqualität und keine Verantwortlichkeiten.

Energiemanagement ohne Einkaufseinbindung: Dann optimieren Sie zwar kWh, aber nicht EUR und Risiko.

Keine Wirksamkeitsprüfung: Maßnahmen werden umgesetzt, aber Einsparungen nicht sauber nachgewiesen. Das führt intern zu Akzeptanzverlust.

Unklare Verantwortungen im Betrieb: Wenn niemand für eine Abweichung zuständig ist, bleibt sie im Report stehen und wird zur Routine.

Orientierung an Pflichten: ISO 50001, EDL-G, EnEfG

Je nach Unternehmensgröße und Energieverbrauch können rechtliche Pflichten eine Rolle spielen (Energieauditpflicht, Energiemanagementsystem oder EMAS, zusätzliche Anforderungen an Maßnahmenbewertung). Die Details hängen vom Einzelfall ab.

Als Einstieg in den Pflichtenkontext sind die Gesetzestexte eine belastbare Quelle, zum Beispiel das Energieeffizienzgesetz (EnEfG) und das Energiedienstleistungsgesetz (EDL-G). Für die praktische Umsetzung ist aber entscheidend, ein System zu bauen, das im Alltag funktioniert, nicht nur auf dem Papier.

Wann externe Unterstützung sinnvoll ist

Externe Unterstützung lohnt sich typischerweise, wenn:

  • Sie keine belastbare Datenbasis haben (Lastgänge, Zählerstruktur, Kostenaufteilung).
  • Beschaffungsentscheidungen hohe Budgets und Risiken betreffen und intern Ressourcen fehlen.
  • Sie ISO 50001 einführen oder „auditfest“ werden müssen.
  • Sie schnelle Wirkung wollen, aber operative Kapazitäten knapp sind.

BVGE e. V. vertritt gewerbliche Energienutzer, und über die BVGE Consulting GmbH unterstützt der Verband Unternehmen bei unabhängiger Strom- und Gasbeschaffung sowie beim Aufbau und Betrieb von Energiemanagement, inklusive der Verbindung von Daten, Kennzahlen und Einkaufsstrategie. Einen guten nächsten Schritt wählen viele Unternehmen über eine strukturierte Bestandsaufnahme: Wo stehen wir bei Daten, Rollen, KPIs und Maßnahmenportfolio, und was bringt in den nächsten 90 Tagen den größten Effekt?

Meeting-Szene in einem Industrieunternehmen: Energieteam aus Produktion, Instandhaltung, Einkauf und Controlling steht an einem Whiteboard mit KPI-Tabelle (Verbrauch, Leistung, Kosten) und markiert Abweichungen sowie Maßnahmen.

Wenn Sie tiefer einsteigen möchten, sind diese BVGE-Ressourcen als Anschlusslektüre sinnvoll (je nach Schwerpunkt):

Ein Energiemanagement im Unternehmen ist dann erfolgreich, wenn es Entscheidungen beschleunigt: weniger Diskussion über Zahlen, mehr Fokus auf Ursachen, Maßnahmen und Wirkung. Genau dafür sind Aufbau, Rollen und Kennzahlen da.

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