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Energiemanagement in der Praxis: Von Daten zu Einsparungen

Viele Unternehmen haben heute mehr Energiedaten als je zuvor: RLM-Lastgänge, Zählerportale, Gebäudeleittechnik, Produktionsdaten, PV-Erträge. Trotzdem bleiben Einsparungen oft Zufall, weil Daten zwar gesammelt, aber nicht konsequent in Entscheidungen, Maßnahmen und verifizierte Ergebnisse übersetzt werden.

Dieser Beitrag zeigt Energiemanagement in der Praxis als durchgängige Wertschöpfungskette: von einer belastbaren Datenbasis über Diagnose und Priorisierung bis zur Nachweisführung, damit aus „wir messen viel“ tatsächlich „wir sparen nachweisbar“ wird.

Warum Daten selten automatisch zu Einsparungen führen

Daten sind kein Selbstzweck. Typische Gründe, warum sich ein Monitoring nicht in Euro niederschlägt:

  • Unklare Bilanzgrenzen: Was gehört zum Standort, zur Mietfläche, zur ausgelagerten Anlage, zur Eigenerzeugung? Ohne saubere Abgrenzung sind Kennzahlen nicht vergleichbar.
  • „Messfriedhof“ statt Steuerung: Dashboards werden gebaut, aber es gibt keinen festen Prozess, wer Abweichungen bewertet, Maßnahmen anstößt und Ergebnisse nachhält.
  • Zu grobe Auflösung: Monatsrechnungen sind gut für Controlling, aber schlecht für Ursachenanalyse. Lastspitzen, Standby-Verbräuche und Fehlfahrten sieht man eher im 15-Minuten-Raster.
  • Fehlende Normalisierung: Wenn Auslastung, Wetter oder Produktmix schwanken, sind absolute Verbräuche nur begrenzt aussagekräftig.
  • Kein belastbarer Nachweis: Maßnahmen werden umgesetzt, aber die Wirkung wird nicht sauber gegen eine Baseline gemessen, oder Ereignisse (Umbauten, Schichtänderungen) werden nicht dokumentiert.

ISO 50001 adressiert genau diese Lücke, indem sie Energiemanagement als PDCA-Prozess (Plan, Do, Check, Act) fordert. Entscheidend ist nicht nur das Messen, sondern das kontrollierte Verbessern auf Basis von Daten und Nachweisen (siehe z. B. DIN EN ISO 50001:2018).

Schritt 1: Das Datenfundament so aufbauen, dass es „entscheidungsfähig“ wird

In der Praxis bewährt sich ein Minimalansatz: wenige Daten, aber verlässlich und anschlussfähig. Vier Bausteine sind entscheidend.

1) Scope und Bilanzgrenzen festlegen (ohne Grauzonen)

Klären Sie, welche Energieflüsse in den Betrachtungsumfang fallen (Strom, Gas, Wärme, Dampf, Druckluft, Kälte) und wie Sie Sonderfälle behandeln:

  • gemeinsame Zähler in Mietobjekten
  • Eigenerzeugung (PV, BHKW) und Eigenverbrauch
  • Outsourcing (z. B. ausgelagerte Kälteversorgung)
  • Multi-Site-Strukturen

Wenn Bilanzgrenzen unsauber sind, werden auch Baselines und EnPIs unsauber. Für typische Abgrenzungsfälle und Beispiele ist dieser Leitfaden hilfreich: Bilanzgrenzen im Energiemanagement: Praxisbeispiele und Tipps.

2) Messkonzept: erst die richtigen Stellen, dann die perfekte Technik

Ein praxistaugliches Messkonzept startet mit den größten Verbrauchern und den größten Unsicherheiten:

  • Hauptzähler und relevante Unterzähler (Querschnittstechniken, Hallen, Linien)
  • Lastgangdaten (15-minütig bei Strom, je nach Messkonzept auch für Gas/Wärme)
  • Schaltzustände und Betriebszeiten (für Ursachenanalyse oft wichtiger als zusätzliche Sensorik)

Wichtig: Submetering ist nicht „je mehr desto besser“. Es ist eine Investition in Entscheidungsqualität.

3) Datenmodell und Granularität: Kostenlogik abbilden

Damit aus kWh Einsparungen werden, müssen Daten die Preislogik unterstützen. Für Strom bedeutet das häufig: Arbeit (kWh), Leistung (kW), Zeitfenster, Tarifbestandteile. Für Gas: Verbrauch, Temperaturkorrekturen, Einsatz in Prozessen.

Eine praxistaugliche Datenlandkarte sieht oft so aus:

Datentyp Typische Quelle Zeitauflösung Wofür es in der Praxis gebraucht wird
Strom-Lastgang (kW/kWh) Netzbetreiber/Messstellenbetreiber 15 Minuten Lastspitzen erkennen, Lastfaktor, Schichtmuster, Peak Shaving
Gas-/Wärmeverbrauch Zähler/Leittechnik täglich bis stündlich Prozesswärme bewerten, Abweichungen finden, Wetter-/Auslastungseinfluss
Produktions- und Betriebsdaten MES/ERP/Schichtprotokolle Schicht/Tag Normalisierung (Produktmix, Auslastung), Ursachenanalyse
Wetterdaten DWD/Stationsdaten stündlich/täglich Gebäude- und Wärmeverbrauch normalisieren
Tarif- und Vertragsdaten Einkauf/Vertragsunterlagen ereignisbasiert kWh in Euro übersetzen, Nebenkosten/Leistungspreise prüfen

4) Datenqualität als Prozess (nicht als Einmalprojekt)

Datenqualität ist in Energiemanagementprojekten häufig der Engpass. Etablieren Sie einfache Regeln:

  • klare Verantwortlichkeiten (wer „besitzt“ welche Daten)
  • Plausibilitätschecks (Nullwerte, Sprünge, Zeitlücken)
  • Versionslogik für Korrekturen
  • dokumentierte Annahmen (z. B. Ersatzwerte)

Das zahlt sich später bei Audits, Förderprojekten und internen Entscheidungen aus.

Ein einfaches Flussbild mit fünf Boxen in einer Reihe: Datenquellen (Zähler, Leittechnik, Rechnungen) → Datenqualität & Bilanzgrenzen → Analyse (Profile, Baselines, Abweichungen) → Maßnahmen (Priorisieren, Umsetzen) → Verifizierung (M&V) mit einem Pfeil zu „Einsparungen in €“.

Schritt 2: Von Monitoring zu Diagnose, die Maßnahmen auslöst

Ein Dashboard wird erst dann wertvoll, wenn es Fragen beantwortet, die eine Handlung auslösen. Drei Analysearten sind besonders praxiswirksam.

Abweichungsanalyse: „Was hat sich wann verändert?“

Starten Sie mit wenigen, aber harten Signalen:

  • neue oder verschobene Lastspitzen
  • steigender Grundlastanteil (Nacht/Wochenende)
  • ungewöhnliche Verbrauchssprünge nach Wartungen, Umbauten oder Software-Updates
  • sinkende Effizienzkennzahlen bei gleicher Ausbringung

Hilfreich ist ein fester Ablauf pro Abweichung:

  • Wo tritt sie auf (Zähler, Linie, Gebäude)?
  • Seit wann (Datum, Schicht, Ereignis)?
  • Welche Hypothese ist am wahrscheinlichsten (Betriebszeit, Regelung, Leckage, Standby, Prozessparameter)?

Lastprofil-Analyse: Leistungskosten und Netzseite verstehen

Viele Einsparungen entstehen nicht nur über weniger kWh, sondern über ein besseres Leistungsprofil, je nach Tarif- und Netzentgeltlogik. Wer Lastgänge „lesen“ kann, findet häufig:

  • gleichzeitig anlaufende Aggregate
  • unkoordinierte Aufheiz- oder Reinigungszyklen
  • fehlende Lastbegrenzung bei Spitzen (z. B. Kompressoren, Kälte, Elektroöfen)

Wenn Sie in diese Richtung vertiefen möchten: Lastmanagement im Energiemanagement: Spitzen kappen, Kosten senken.

Normalisierte EnPIs statt Rohwerte

Die entscheidende Frage lautet: Ist der Verbrauch „erklärbar“ durch Auslastung, Wetter, Produktmix? Wenn nicht, ist das ein Ansatzpunkt.

Ein sauber definierter EnPI (Energy Performance Indicator) ist dafür das Werkzeug. Praxisnah wird es, wenn EnPIs mit Treibern und Baseline-Logik verknüpft sind, statt nur „kWh pro Monat“ zu zeigen. Vertiefung: Energiekennzahlen (EnPIs) richtig definieren.

Schritt 3: Maßnahmen priorisieren, damit die Organisation ins Tun kommt

Der häufigste Flaschenhals ist nicht das Finden von Ideen, sondern die Priorisierung. In der Praxis bewährt sich ein kleines, wiederholbares Raster.

Bewerten Sie jede Maßnahme entlang von vier Achsen:

  • Wirtschaftlichkeit (CapEx/OpEx, erwartete Entlastung, Preisrisiko)
  • Umsetzbarkeit (Zugänglichkeit, Stillstände, Ressourcen)
  • Betriebsrisiko (Qualität, Lieferfähigkeit, Arbeitssicherheit)
  • Nachweisbarkeit (Messbarkeit, Baseline, Störfaktoren)

So vermeiden Sie zwei Klassiker: technisch „schöne“ Projekte ohne Management-Priorität und rein kaufmännische Projekte ohne belastbare Umsetzung.

Eine praxistaugliche Einordnung typischer Maßnahmen nach Datenbedarf:

Maßnahmentyp Typische Beispiele Welche Daten sind dafür entscheidend Häufiger Stolperstein
Operative Quick Wins Abschaltregeln, Betriebszeiten, Sollwerte, Standby reduzieren Lastgang, Schicht-/Betriebszeiten, Zustände Keine Verantwortlichkeit für dauerhafte Einhaltung
Regelung/Automatisierung Optimierte Kälte-/Wärmeregelung, Lastbegrenzung Trenddaten, Wetter/Last, Regelparameter Wirkung wird nicht gegen Baseline verifiziert
Instandhaltung Leckagebeseitigung, Filterzustände, Reinigungszyklen Abweichungen, Laufzeiten, Druck-/Temperaturtrends Einmalige Aktion statt Routineprozess
Beschaffung & Vertrag Tarif-/Leistungsoptimierung, Daten- und Abrechnungsprüfung Tariflogik, Leistung, Lastspitzen, Rechnungsdaten Einsparung wird „geschätzt“, nicht nachgerechnet

Wichtig: Auch Beschaffung und Vertragsgestaltung sind oft starke Hebel, aber sie funktionieren deutlich besser, wenn sie mit einem belastbaren Daten- und Lastprofil verknüpft sind. Überblick dazu: Energieeinkauf im Überblick: Modelle, Chancen, Risiken.

Schritt 4: Einsparungen nachweisen, ohne das Projekt zu überfrachten

Ohne Nachweis wird Energiemanagement schnell zur Glaubensfrage. Mit einem pragmatischen M&V-Ansatz (Measurement & Verification) wird es steuerbar.

Ein verbreiteter Referenzrahmen ist das IPMVP, das verschiedene Optionen für den Nachweis beschreibt, von Messung einzelner Parameter bis zur Gesamtanlagen-Betrachtung.

Praxisregel: Wählen Sie die einfachste Nachweislogik, die die Entscheidung trägt.

M&V-Ansatz (vereinfacht) Wann er passt Was Sie dafür brauchen
Parameterbasiert klar abgegrenzte Maßnahme, wenig Störfaktoren definierte Messpunkte, Vorher-Nachher-Vergleich
Lastgang-/Baselinebasiert mehrere Einflüsse, variable Auslastung Baseline, Normalisierungstreiber, Ereignislog
Gesamtstandort Portfolio aus Maßnahmen, Management-Reporting stabile Bilanzgrenzen, konsistentes Reporting

Drei Punkte machen den Unterschied in Audits und im Management:

  • Baseline sauber dokumentieren (Zeitraum, Datenquellen, Annahmen)
  • Routine-Anpassungen definieren (z. B. Wetter, Produktion)
  • Non-Routine Events protokollieren (Umbau, neue Linie, Stillstandsänderungen)

Schritt 5: Energiemanagement als Takt im Betrieb verankern

Einsparungen bleiben nur stabil, wenn es einen Rhythmus gibt. Ein schlanker, wirksamer Takt sieht häufig so aus:

  • wöchentlich: operative Sicht auf Abweichungen (Betrieb, Instandhaltung)
  • monatlich: Kennzahlen, Maßnahmenstatus, Entscheidungspunkte (Energieteam, Controlling, Einkauf)
  • quartalsweise: Managementbewertung (Risiken, Budget, CapEx-Freigaben, Zielsystem)

Für ISO 50001, interne Audits und nachhaltige Wirksamkeit ist außerdem eine gute Evidence-Struktur entscheidend. Praxisleitfaden: Internes Audit Energiemanagement: Ablauf, Belege, Tipps.

Ein praxistauglicher Start: Drei kurze Sprints statt „Großprojekt“

Wenn Sie aus Daten zügig Einsparungen machen wollen, hilft ein Vorgehen in drei Sprints, das bewusst klein startet und schnell Wirkung erzeugt:

Sprint A: Daten auf Entscheider-Niveau bringen

Ziel: Bilanzgrenzen, Lastgänge, Tariflogik und ein erstes KPI-Set so aufbereiten, dass Abweichungen sichtbar und diskutierbar werden.

Sprint B: 5 bis 10 Abweichungen in Maßnahmen übersetzen

Ziel: Nicht „alles analysieren“, sondern die größten und klarsten Auffälligkeiten in konkrete, verantwortete Maßnahmen überführen.

Sprint C: Wirkung nachweisen und in Routine überführen

Ziel: Baseline und Nachweislogik pro Maßnahme festziehen, Ergebnis berichten, Standards (z. B. Abschaltregeln, Sollwerte, Freigabeprozesse) verankern.

Wie BVGE in der Praxis unterstützt

Der BVGE (inklusive BVGE Consulting GmbH) unterstützt gewerbliche Energienutzer in Deutschland unter anderem bei unabhängiger Strom- und Gasbeschaffung, beim Aufbau eines praxistauglichen Energiemanagements und bei der Verbindung von Daten, Betrieb und Einkauf. Wenn Sie Ihre Datenbasis, Ihre Beschaffungsstrategie und Ihre operativen Hebel zusammenführen möchten, ist eine externe, lieferantenneutrale Perspektive häufig der schnellste Weg von Analyse zu messbarer Wirkung.

Am Ende zählt nicht, wie viele Datenpunkte Sie erfassen, sondern ob Sie daraus wiederholbar Entscheidungen treffen, Maßnahmen umsetzen und Einsparungen belastbar nachweisen. Genau daraus entsteht Energiemanagement, das im Unternehmen als „Praxisdisziplin“ anerkannt wird, weil es Ergebnisse liefert.

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