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Strategische Energiebeschaffung: Praxisleitfaden für Betriebe

Energie ist für viele Betriebe längst kein „Nebenbei-Thema“ mehr. Strom- und Gaspreise schwanken, Netzentgelte und Umlagen verändern sich, gleichzeitig steigen Anforderungen an Transparenz, Budgettreue und Compliance. Wer unter diesen Bedingungen nur „den nächstbesten Vertrag“ abschließt, läuft Gefahr, zu teuer einzukaufen oder Risiken unbemerkt in die GuV zu ziehen.

Strategische Energiebeschaffung bedeutet, den Energieeinkauf als wiederholbaren Managementprozess aufzusetzen: mit klaren Zielen, belastbaren Daten, definierten Entscheidungsregeln, solider Vertragsarchitektur und kontinuierlichem Monitoring. Dieser Praxisleitfaden zeigt, wie Betriebe das strukturiert umsetzen.

Was „strategische Energiebeschaffung“ im Betrieb wirklich heißt

Strategische Energiebeschaffung ist mehr als Timing und Preisvergleich. Sie verbindet vier Perspektiven:

  • Kosten und Budget-Sicherheit: Planbarkeit über Monate und Jahre, ohne jede Marktchance zu verschenken.
  • Risikomanagement: Preis-, Mengen-, Profil- und Gegenparteirisiken aktiv steuern.
  • Operative Anschlussfähigkeit: Beschaffung muss zu Produktion, Lastprofil, Flexibilitäten und Messkonzept passen.
  • Governance und Nachweisfähigkeit: klare Rollen, saubere Dokumentation, audit- und prüffähige Entscheidungen (wichtig auch im Kontext eines Energiemanagementsystems).

Wer strategisch einkauft, formuliert eine Beschaffungsstrategie, die zu Unternehmenszielen passt (Marge, Wettbewerb, Wachstum, Nachhaltigkeitsvorgaben) und setzt sie über definierte Prozesse konsequent um.

Schritt 1: Datengrundlage schaffen, ohne die der Einkauf „blind“ bleibt

In der Praxis scheitert Energiebeschaffung selten an der Marktkenntnis, sondern an Datenlücken und falschen Annahmen. Bevor Sie über Produkte oder Lieferanten sprechen, brauchen Sie eine saubere Ausgangslage.

Welche Daten Sie mindestens benötigen

Datenbaustein Wofür er gebraucht wird Typische Quelle im Unternehmen
Jahresverbrauch je Zählpunkt (Strom/Gas) Mengenband, Ausschreibung, Budget Abrechnung, ERP, Energiecontrolling
Lastgänge bzw. Viertelstundenwerte (Strom) Profilkosten, Risikobewertung, Flexpotenziale Messstellenbetreiber, Energiemonitoring
Leistungsspitzen (kW) und Leistungspreise Netzkostenhebel, Peak Shaving Business Case Netzentgeltabrechnung
Standorte, Bilanzierungslogik, Schichtmodelle Strukturierung von Losen, Prognosequalität Produktion, Standortleitung
Bestehende Verträge und Fristen Vermeidung von „Notversorgung“, Verhandlungsposition Einkauf, Rechtsabteilung
Preisbestandteile (Energie, Vertrieb, Abgaben, Netze) Vergleichbarkeit und Benchmarks Lieferantenangebote, Abrechnungen

Wenn Lastgänge fehlen oder unvollständig sind, ist eine Ausschreibung trotzdem möglich, allerdings steigt dann der Risikoaufschlag. Strategisch heißt hier: zuerst Datenqualität erhöhen, dann Beschaffungsmodelle verfeinern.

Praxis-Tipp: „Scope“ festziehen

Klären Sie früh, ob die Energiebeschaffung nur Strom umfasst oder auch Gas, Wärme, Eigenerzeugung, Ladeinfrastruktur, Nebenstellen sowie mehrere Gesellschaften. Ein sauberer Scope entscheidet, ob Sie am Ende wirklich skalieren können.

Schritt 2: Ziele und Risikoleitplanken definieren (das eigentliche Strategiestück)

Viele Unternehmen haben ein implizites Ziel („möglichst günstig“). Das ist zu ungenau, um daraus belastbare Einkaufsentscheidungen abzuleiten.

Formulieren Sie stattdessen konkrete Leitplanken:

  • Budgetziel: Welche Kostenabweichung ist tolerierbar (monatlich, quartalsweise, jährlich)?
  • Risikopräferenz: Wie viel Preisvolatilität darf im Einkauf landen?
  • Hedging-Logik: Einmaliger Abschluss oder schrittweise Absicherung (Tranchen)?
  • Mengenrisiko: Wie stark schwankt der Verbrauch durch Auftragslage, Wetter, Schichten?
  • Sustainability/Compliance: Herkunftsnachweise, CO2-Reporting-Anforderungen, interne Policies.

Typische Risikoarten in der Energiebeschaffung und passende Gegenmaßnahmen

Risiko Wie es im Alltag aussieht Typische Gegenmaßnahmen
Preisrisiko Markt fällt nach Vertragsabschluss, oder steigt während Spot-Beschaffung Tranchen, Hybridmodelle, definierte Trigger, Budgetband
Mengenrisiko Verbrauch weicht stark ab, Mehr-/Mindermengen werden teuer bessere Forecasts, flexible Produkte, Toleranzbänder verhandeln
Profil-/Basisrisiko Lastprofil passt nicht zum Standardprodukt, es entstehen Profilkosten Lastganganalyse, Peak-Shaving, Prozessanpassungen, produktseitige Abbildung
Gegenparteirisiko Lieferant gerät in Schieflage, Preisanpassungen, Insolvenz Bonitätsprüfung, Vertragsklauseln, Sicherheiten, Diversifikation
Operatives Risiko Abrechnung, Messdaten, Bilanzierung verursachen Fehlerkosten Messkonzept, klare Datenverantwortung, Abrechnungsprüfung

Wichtig: Diese Leitplanken sollten vom Management bestätigt werden. Sonst wird der Einkauf bei jeder Marktbewegung „nachverhandelt“.

Schritt 3: Beschaffungsmodell passend zum Betrieb auswählen (nicht nach Bauchgefühl)

Der Markt bietet verschiedene Modelle, die grob zwischen Preisfixierung und Marktindexierung liegen. Strategisch ist nicht „ein Modell für alle“, sondern eine nachvollziehbare Auswahl passend zu Last, Risikoprofil und Organisation.

Eine gute Vertiefung zu Modellen, Chancen und Risiken finden Sie auch im BVGE-Überblick: Energieeinkauf im Überblick: Modelle, Chancen, Risiken.

Entscheidungsmatrix für die Praxis

Betriebssituation Häufig passende Modelle Warum das oft passt
Sehr hoher Verbrauch, starke Budgetbindung, geringe Risikotoleranz Festpreis oder tranchierter Festpreis hohe Planbarkeit, Risiko kontrolliert, aber Timing ist entscheidend
Mittlerer Verbrauch, moderate Risikotoleranz, Einkauf soll „glätten“ Tranchen oder Hybrid (Teil fix, Teil indexiert) reduziert Timing-Risiko, behält Marktchancen
Stark schwankender Verbrauch, hohe Flexibilität, gutes Monitoring Index/Spot, ggf. mit Cap-Mechanismen Mengenrisiko besser abbildbar, Chancen bei fallenden Preisen
Langfristige Dekarbonisierungsziele, planbarer Bedarf ggf. PPA/strukturierte Langläufer (individuell prüfen) kann Preis- und Herkunftsziele verbinden, aber komplex und vertragssensitiv

Ein häufiger Denkfehler: „Festpreis ist sicher“. Sicher ist er nur im Sinne der Planbarkeit, nicht im Sinne des optimalen Preises. Entscheidend ist, ob er zur Risikopolitik und zur Marktsituation passt.

Schritt 4: Einkaufsprozess aufsetzen, der jedes Jahr funktioniert

Strategie bleibt Theorie, wenn sie nicht in einen Prozess übersetzt wird. Der Kern ist ein wiederholbarer Ablauf mit klaren Verantwortlichkeiten.

Governance: Wer entscheidet was?

In vielen Unternehmen liegen Energiethemen zwischen Einkauf, Technik und Controlling. Strategische Energiebeschaffung funktioniert am besten mit einem kleinen, festen Kernteam:

  • Einkauf: Ausschreibung, Angebotsvergleich, Lieferantenauswahl, Verhandlung.
  • Energiemanagement/Technik: Last- und Prozesswissen, Flexibilitäten, Messkonzept.
  • Controlling/Finanzen: Budgetband, Risikolimits, Bewertung von Varianten.
  • Recht/Compliance (bei Bedarf): Vertragsprüfung, Haftung, Berichtspflichten.

Wenn Sie bereits nach ISO 50001 arbeiten, lässt sich die Einkaufsgovernance sehr gut an bestehende Strukturen anbinden, ohne doppelte Gremien aufzubauen.

Einkaufs-Kalender statt Last-Minute-Abschluss

Setzen Sie feste Meilensteine, die sich jährlich wiederholen. Ein praxistauglicher Ansatz ist ein rollierender 12-Monats-Plan, bei dem Sie frühzeitig Ausschreibungsfenster definieren und parallel Datenqualität und Forecasting verbessern.

Schematische Darstellung eines rollierenden Energieeinkaufsprozesses mit den Phasen Datenbasis, Risikopolitik, Modellwahl, Ausschreibung, Vertragsabschluss und Monitoring in einem wiederkehrenden Kreislauf.

Schritt 5: Ausschreibung und Vertragsgestaltung, hier verstecken sich die großen Hebel

Viele Unternehmen vergleichen Angebote über den Arbeitspreis und übersehen, dass Risiken und Nebenkosten oft vertraglich „eingepreist“ sind.

Was in einer professionellen Ausschreibung stehen sollte

Eine gute Ausschreibung macht Angebote vergleichbar und reduziert Risikoaufschläge. Typische Bausteine:

  • Zählpunktliste, Abnahmestellen, Lastgänge, Prognosen
  • gewünschte Produktlogik (Festpreis, Tranchen, Index, Hybrid) oder Variantenabfrage
  • Laufzeitfenster und Flexibilitäten (z. B. Starttermine)
  • Anforderungen an Abrechnung, Datenbereitstellung, Reporting
  • Kriterien für Bewertung (Preis, Risiko, Service, Vertragsklauseln)

Vertrags-Checkliste (praxisnah, ohne Juristendeutsch)

Prüfen Sie vor Abschluss mindestens:

  • Preislogik und Preisbestandteile: Was ist fix, was variabel, welche Indizes gelten?
  • Mehr-/Mindermengenregelung: Toleranzen, Preise, Abrechnungslogik.
  • Profil- und Ausgleichsenergiethemen: Transparenz, Verantwortlichkeiten.
  • Kündigungs- und Verlängerungsklauseln: automatische Verlängerungen, Fristen.
  • Sicherheiten/Bonitätsklauseln: was passiert bei Ratingänderungen?
  • Daten- und Schnittstellenpflichten: Messdaten, Plausibilisierung, Fristen.
  • Abrechnungsprüfung: Abrechnungsformat, Nachvollziehbarkeit, Reklamationsprozess.

Gerade in volatilen Märkten lohnt sich die Kombination aus Marktexpertise und Vertragsdisziplin. Ein guter Einstieg ist auch der BVGE-Beitrag zu typischen Fehlern: Energieeinkauf für Unternehmen: Fehler vermeiden, Kosten senken.

Schritt 6: Monitoring, KPIs und kontinuierliche Verbesserung (damit Strategie nicht „verstaubt“)

Strategische Energiebeschaffung endet nicht mit der Unterschrift. Erst das Monitoring macht aus Einkauf ein steuerbares System.

Drei KPI-Ebenen, die sich bewährt haben

KPI-Ebene Beispiele Nutzen
Preis- und Budgetsteuerung Beschaffungspreis vs. Benchmark, Budgetabweichung macht Erfolg messbar und diskutierbar
Mengen und Profil Prognosegüte, Mehr-/Mindermengen, Lastspitzen zeigt operative Hebel und verhindert Überraschungen
Prozessqualität Ausschreibungsquote, Vertragsfristen eingehalten, Abrechnungsfehler reduziert organisatorische Kosten und Risiko

Wenn Sie KPIs in ein Energiemanagementsystem integrieren wollen, ist die Definition auditfester Kennzahlen entscheidend. Dazu passt der BVGE-Leitfaden: Energiekennzahlen (ISO 50001): KPIs richtig definieren.

Datenquellen für Markttransparenz

Für die operative Einordnung helfen öffentliche Datenquellen, zum Beispiel:

Wichtig: Öffentliche Preise sind Referenzen, keine 1:1-Angebotspreise. Lieferbedingungen, Risikoaufschläge und Strukturierung machen in der Praxis den Unterschied.

Häufige Praxisfehler und wie Sie sie vermeiden

Viele Probleme wiederholen sich in Unternehmen erstaunlich ähnlich:

  • Zu spätes Handeln: Wenn der Vertrag in wenigen Wochen endet, kaufen Sie unter Zeitdruck.
  • Unklare Verantwortlichkeiten: Niemand fühlt sich für Lastgänge, Fristen oder Abrechnungsqualität zuständig.
  • „Ein Preis“ statt Risiko-Portfolio: Eine einzige Entscheidung (alles fix oder alles variabel) erhöht Extremrisiken.
  • Schwaches Forecasting: Mengenabweichungen werden teuer, obwohl sie vermeidbar wären.
  • Vertrag als „Standardpapier“: Klauseln zu Mehrmengen, Daten und Sicherheiten werden nicht aktiv verhandelt.

Strategische Energiebeschaffung ist deshalb auch Organisationsarbeit, nicht nur Marktarbeit.

30/60/90 Tage Plan: So starten Betriebe pragmatisch

Wenn Sie kurzfristig Struktur schaffen wollen, funktioniert ein stufenweiser Ansatz.

Zeitraum Fokus Ergebnis, das greifbar sein sollte
0 bis 30 Tage Daten, Verträge, Fristen Zählpunktliste, Vertragskalender, erste Last- und Kostenanalyse
31 bis 60 Tage Risikopolitik, Modellvarianten Beschaffungsleitplanken, Varianten-Shortlist, Ausschreibungsdesign
61 bis 90 Tage Ausschreibung, Verhandlung, Setup Monitoring vergleichbare Angebote, verhandelte Vertragsversion, KPI-Reporting-Grundlage

Wenn Sie parallel operative Hebel heben wollen, ist Lastmanagement häufig ein schneller Business Case. Dazu gibt es einen passenden BVGE-Artikel: Energiemanagement und Lastmanagement: Spitzen kappen, Kosten senken.

Frequently Asked Questions

Was ist der Unterschied zwischen Energieeinkauf und strategischer Energiebeschaffung? Energieeinkauf ist die konkrete Beschaffung (Angebote einholen, Vertrag schließen). Strategische Energiebeschaffung definiert zusätzlich Ziele, Risiken, Prozesse, Rollen, KPIs und Entscheidungsregeln, damit der Einkauf wiederholbar, auditfähig und wirtschaftlich steuerbar wird.

Wann lohnt sich ein Tranchenmodell besonders? Häufig bei mittleren bis großen Verbräuchen, wenn Budgettreue wichtig ist, Sie aber das Timing-Risiko reduzieren möchten. Durch gestaffelte Abschlüsse wird nicht alles von einem Einkaufszeitpunkt abhängig.

Ist Spot- bzw. Indexbeschaffung für Betriebe zu riskant? Nicht grundsätzlich. Das Risiko hängt davon ab, ob Ihr Unternehmen Preisschwankungen tragen kann, wie gut Forecasting und Monitoring sind und ob vertragliche Schutzmechanismen (z. B. Caps, klare Mengenlogik) existieren.

Welche Rolle spielt ISO 50001 bei der Beschaffung? ISO 50001 ist keine Einkaufsnorm, aber ein gutes Energiemanagementsystem liefert Daten, Verantwortlichkeiten und kontinuierliche Verbesserung, die strategische Energiebeschaffung deutlich stärken, zum Beispiel durch bessere Lasttransparenz und klare KPI-Steuerung.

Wie erkenne ich, ob ein Angebot wirklich vergleichbar ist? Prüfen Sie neben dem Arbeitspreis die Preislogik, Mehr-/Mindermengen, Profil- und Ausgleichsenergiethemen, Datenpflichten, Laufzeiten und Verlängerungsklauseln. Viele Kosten stecken in Struktur und Risikoallokation, nicht in der Überschrift des Angebots.

Wie früh sollte ich vor Vertragsende mit der strategischen Planung beginnen? In der Praxis ist ein Vorlauf von mehreren Monaten sinnvoll, damit Ausschreibung, Verhandlung und interne Freigaben ohne Zeitdruck funktionieren. Zusätzlich sollten Datenqualität und Forecasting als laufende Aufgabe organisiert werden.


Strategische Energiebeschaffung mit BVGE: sauber aufsetzen, konsequent umsetzen

Wenn Sie Ihre strategische Energiebeschaffung strukturiert aufbauen oder Ihr aktuelles Modell auf Risiken und Vertragsqualität prüfen lassen möchten, unterstützt der BVGE e. V. als Interessenvertretung gewerblicher Energienutzer, gemeinsam mit der BVGE Consulting GmbH, bei unabhängiger Strom- und Gasbeschaffung sowie beim Energie- und Risikomanagement.

Mehr Einordnung und vertiefende Praxisartikel finden Sie auf bvge.energy, besonders hilfreich sind der Modellüberblick zu Beschaffungsmodellen sowie der Praxisbeitrag zur Frage, wie Unternehmen faire Preise und robuste Verträge sichern.

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