Messkonzept im Energiemanagement praxisnah erstellen
Ein gutes Messkonzept im Energiemanagement beantwortet eine einfache Frage: Welche Energiedaten braucht das Unternehmen, um Kosten, Verbrauch, Risiken und Maßnahmen zuverlässig zu steuern? Es geht also nicht darum, möglichst viele Zähler zu installieren. Entscheidend ist, dass Messpunkte, Datenqualität, Kennzahlen und Verantwortlichkeiten zusammenpassen.
Nicht jeder Verbraucher braucht einen eigenen Zähler. Aber jeder wesentliche Verbrauchstreiber braucht eine belastbare Datengrundlage. Genau hier liegt in vielen Unternehmen der Unterschied zwischen Datensammlung und wirksamem Energiemanagement.
Dieser Leitfaden zeigt praxisnah, wie Sie ein Messkonzept im Energiemanagement erstellen, das im Betrieb funktioniert, für ISO-50001-Nachweise nutzbar ist und Entscheidungen im Energieeinkauf, in der Technik und im Controlling verbessert.
Was ist ein Messkonzept im Energiemanagement?
Ein Messkonzept beschreibt, welche Energieflüsse im Unternehmen wie, wo, wie oft und mit welcher Qualität erfasst werden. Es verbindet technische Zählerstruktur mit kaufmännischer Steuerung und operativer Verbesserung.
Ein reines Zählerkonzept beantwortet meist nur die Frage, wo Messgeräte sitzen. Ein Messkonzept geht weiter: Es definiert, welche Daten für welche Entscheidungen gebraucht werden, wer die Daten prüft, wie Kennzahlen berechnet werden und wie Ergebnisse in Maßnahmen, Berichte und Managemententscheidungen einfließen.
| Baustein | Zweck | Typisches Ergebnis |
|---|---|---|
| Bilanzgrenzen | Festlegen, was zum Energiemanagement gehört | Standorte, Gebäude, Anlagen, Medien, Schnittstellen |
| Messpunkte | Energieflüsse sichtbar machen | Hauptzähler, Unterzähler, Prozessmessungen, mobile Messungen |
| Datenfrequenz | Passende zeitliche Auflösung bestimmen | 15-Minuten-Werte, Tageswerte, Monatswerte, Ereignisdaten |
| Datenqualität | Verlässlichkeit der Auswertung sichern | Plausibilitätsregeln, Verantwortlichkeiten, Korrekturlogik |
| Kennzahlen | Daten in steuerbare Informationen übersetzen | EnPIs, Baselines, Verbrauch je Output, Lastkennzahlen |
| Reporting | Entscheidungen auslösen | Dashboards, Monatsberichte, Auditnachweise, Maßnahmenlisten |
Für Unternehmen, die ein Energiemanagementsystem nach DIN EN ISO 50001 betreiben oder aufbauen, ist ein geeignetes Mess- und Monitoringkonzept besonders wichtig. Die internationale Norm ISO 50001 fordert ein systematisches Vorgehen zur Verbesserung der energiebezogenen Leistung. Sie schreibt jedoch nicht vor, jeden Verbraucher einzeln zu messen. Entscheidend ist die Angemessenheit zur energetischen Bewertung, zu wesentlichen Energieeinsätzen und zu den definierten Kennzahlen.
Erst die Entscheidung, dann der Zähler
Der häufigste Fehler beim Aufbau eines Messkonzepts ist ein technischer Startpunkt: Man beginnt mit Zählern, Schnittstellen und Software, ohne vorher die Steuerungsfragen zu klären. Das führt oft zu teuren Datenfriedhöfen.
Besser ist ein entscheidungsorientierter Ansatz. Fragen Sie zuerst, welche Entscheidungen mit den Daten getroffen werden sollen. Daraus ergibt sich, welche Messpunkte wirklich notwendig sind.
| Entscheidungsfrage | Benötigte Daten | Sinnvolle Auflösung | Beispiel für Nutzung |
|---|---|---|---|
| Wo entstehen die größten Energiekosten? | Rechnungen, Hauptzähler, Kostenstellen, Medienverbräuche | Monatlich bis täglich | Priorisierung von Standorten und Maßnahmen |
| Welche Anlagen verursachen Lastspitzen? | Stromlastgang, Anlagenlaufzeiten, Schaltzustände | 15 Minuten oder feiner | Lastmanagement und Netzentgeltoptimierung |
| Verbessert eine Maßnahme die Energieeffizienz? | Vorher-Nachher-Verbrauch, Produktionsmenge, Wetterdaten | Abhängig vom Prozess | Wirksamkeitsnachweis und Investitionsbewertung |
| Ist der Energieeinkauf passend zum Lastprofil? | Lastgänge, Verbrauchsprognosen, Beschaffungsmodell | 15 Minuten bis monatlich | Strukturierte Strombeschaffung und Risikosteuerung |
| Welche Verbraucher laufen außerhalb der Betriebszeiten? | Grundlast, Betriebszeiten, Gebäudeleittechnik | 15 Minuten bis stündlich | Abschaltkonzepte und Betriebsoptimierung |
Diese Logik hilft, Investitionen in Messtechnik zu begründen. Sie verhindert zugleich, dass Unternehmen zu viel messen, aber zu wenig steuern.
Voraussetzung: Bilanzgrenzen und wesentliche Energieeinsätze klären
Bevor ein Messkonzept erstellt wird, müssen die Bilanzgrenzen feststehen. Dazu gehört die Frage, welche Standorte, Gebäude, Anlagen, Mietflächen, Eigenerzeugungsanlagen und Energieträger einbezogen werden. Ohne klare Bilanzgrenzen sind Messdaten später schwer interpretierbar.
Ein Unternehmen mit mehreren Standorten braucht beispielsweise eine andere Messlogik als ein einzelner Produktionsbetrieb. Ein Mieter in einem Industriepark muss anders abgrenzen als ein Eigentümer mit eigener Trafostation, eigener Heizzentrale und PV-Anlage. Ausführlicher wird dieses Thema im BVGE-Leitfaden zu Bilanzgrenzen im Energiemanagement behandelt.
Danach werden die wesentlichen Energieeinsätze identifiziert. In der ISO-50001-Praxis werden sie häufig als SEUs bezeichnet, also Significant Energy Uses. Das können Produktionslinien, Druckluft, Kälte, Prozesswärme, Lüftung, Beleuchtung, Rechenzentren, Flurförderzeuge oder Gebäudetechnik sein. Entscheidend ist nicht nur der Verbrauch, sondern auch die Beeinflussbarkeit und wirtschaftliche Relevanz.
Ein großer Verbraucher, der technisch kaum steuerbar ist, braucht eventuell nur eine robuste Verbrauchsüberwachung. Ein kleinerer Verbraucher mit hoher Regelbarkeit kann dagegen für Lastmanagement, Effizienz und Beschaffung strategisch wichtig sein.
Schritt 1: Vorhandene Datenquellen inventarisieren
Fast jedes Unternehmen hat bereits mehr Energiedaten, als es nutzt. Bevor neue Messtechnik geplant wird, sollte eine vollständige Bestandsaufnahme erfolgen. Dazu gehören Strom- und Gasrechnungen, RLM-Lastgänge, Zählerstände, Gebäudeleittechnik, Maschinensteuerungen, Produktionsdaten, Betriebsstunden, Wetterdaten und Vertragsinformationen.
Ein praxistaugliches Inventar enthält mindestens Zähler-ID, Medium, Standort, Verantwortlichen, Datenquelle, Ableseintervall, Einheit, Datenzugriff, Genauigkeit und Verwendungszweck. Wichtig ist auch, ob ein Zähler abrechnungsrelevant ist oder nur intern für das Energiemanagement genutzt wird.
Viele Schwächen werden bereits in dieser Phase sichtbar: doppelte Zählerbezeichnungen, unklare Zuordnung zu Kostenstellen, fehlende Wandlungsfaktoren, manuelle Excel-Listen, nicht dokumentierte Ablesewege oder Lastgänge, die zwar beim Lieferanten verfügbar sind, aber intern nicht regelmäßig abgerufen werden.
Schritt 2: Messhierarchie aufbauen
Ein gutes Messkonzept arbeitet mit Ebenen. Nicht jede Ebene muss sofort vollständig digitalisiert sein. Wichtig ist, dass die Struktur nachvollziehbar ist und schrittweise erweitert werden kann.
| Messebene | Typische Messpunkte | Zweck | Typische Datenfrequenz |
|---|---|---|---|
| Netz- und Hauptzähler | Strombezug, Gasbezug, Fernwärme, Wasserstoff, Dampf | Abrechnung, Gesamtbilanz, Beschaffungssteuerung | 15 Minuten bis monatlich |
| Standort oder Gebäude | Hallen, Bürobereiche, Lager, Rechenzentrum | Kostenstellen, Standortvergleich, Grundlastanalyse | Stündlich bis monatlich |
| Querschnittstechnologien | Druckluft, Kälte, Wärme, Lüftung, Pumpen | Effizienzhebel, Betriebsoptimierung | 15 Minuten bis täglich |
| Produktionsbereiche | Linien, Öfen, Trockner, Maschinencluster | Verbrauch je Produkt, Schichtvergleich, SEU-Steuerung | 15 Minuten bis schichtbezogen |
| Eigenerzeugung und Speicher | PV, BHKW, Speicher, Notstrom | Eigenverbrauch, Einspeisung, Flexibilität | 15 Minuten oder feiner |
| Einflussgrößen | Produktionsmenge, Außentemperatur, Betriebsstunden | Normalisierung und Baselines | Prozessabhängig |
Diese Hierarchie macht sichtbar, wo Lücken bestehen. Wenn der Hauptstromzähler 15-Minuten-Werte liefert, aber die größte Druckluftstation nur jährlich geschätzt wird, ist die Aussagekraft für Effizienzmaßnahmen begrenzt. Wenn dagegen Produktionsmengen fehlen, kann selbst eine gute Energiemessung zu falschen Kennzahlen führen.
Schritt 3: Messpunkte nach Nutzen priorisieren
Die Priorisierung sollte wirtschaftlich und steuerungsorientiert erfolgen. Ein Messpunkt ist besonders wertvoll, wenn er hohe Kosten erklärt, eine wesentliche Anlage betrifft, Lastspitzen beeinflusst, Maßnahmen nachweisbar macht oder für gesetzliche, vertragliche oder auditbezogene Anforderungen relevant ist.
Für den ersten Ausbau haben sich drei Kategorien bewährt. Pflichtmessungen sind Messpunkte, ohne die keine belastbare Energiebilanz möglich ist. Steuerungsmessungen liefern Daten für Betrieb, Lastmanagement und Maßnahmen. Diagnosemessungen werden zeitweise genutzt, etwa mit mobilen Loggern, um einen Verdacht zu prüfen.
Gerade mobile Messungen werden unterschätzt. Für viele Fragestellungen ist ein temporärer Messaufbau über zwei bis vier Wochen sinnvoller als ein sofort installierter Dauermesspunkt. Beispiele sind Druckluft-Leckageanalysen, Laufzeitprüfungen von Pumpen, Nachtlasten in Gebäuden oder der Energiebedarf einzelner Chargenprozesse.
Schritt 4: Datenfrequenz realistisch festlegen
Die richtige Datenfrequenz hängt von der Entscheidung ab. Jahreswerte reichen für strategische Trends, sind aber für Lastspitzen, Schichtvergleiche oder Fehlbetriebe unzureichend. 15-Minuten-Werte sind für Strom in vielen gewerblichen Kontexten ein guter Standard, insbesondere wenn RLM-Daten vorhanden sind. Für Gas, Wärme oder Dampf können Tages- oder Monatswerte ausreichen, wenn Prozesse langsam reagieren. Bei schnell taktenden Anlagen kann eine höhere Auflösung erforderlich sein.
Wichtig ist: Höhere Auflösung bedeutet mehr Datenpflege. Wer minütliche Werte erfasst, braucht Speicher, Schnittstellen, Plausibilitätsregeln und Verantwortliche. Für die meisten Unternehmen ist ein abgestufter Ansatz sinnvoll. Kritische Verbraucher und Lastmanagement erhalten hohe Auflösung, weniger relevante Bereiche werden periodisch oder manuell erfasst.
Schritt 5: Datenqualität definieren und sichern
Messdaten sind nur dann wertvoll, wenn ihre Qualität bekannt ist. Im Energiemanagement sollte deshalb jede Datenquelle einer Qualitätsklasse zugeordnet werden. Das muss kein bürokratisches System sein, aber es schafft Transparenz darüber, welche Auswertungen belastbar sind.
| Qualitätsklasse | Beschreibung | Geeignete Nutzung |
|---|---|---|
| A | Automatisierte Messdaten mit dokumentierter Quelle, Zeitstempel, Plausibilitätsprüfung und klarer Zuordnung | Management-KPIs, Maßnahmenbewertung, Beschaffungsanalyse |
| B | Regelmäßige Unterzählerdaten mit bekannter Messlogik und manueller oder teilautomatischer Prüfung | Bereichsberichte, Kostenstellen, operative Steuerung |
| C | Manuelle Ablesungen oder periodische Exporte mit dokumentiertem Verfahren | Monatsberichte, Trends, einfache Maßnahmenkontrolle |
| D | Schätzungen, Herstellerangaben oder abgeleitete Werte ohne regelmäßige Prüfung | Erste Potenzialabschätzung, keine harte Erfolgsmessung |
Für auditrelevante Kennzahlen, Investitionsentscheidungen und Einsparnachweise sollten Unternehmen möglichst mit Klasse A oder B arbeiten. Klasse C kann für den Einstieg genügen, wenn Verfahren und Grenzen sauber dokumentiert sind. Klasse D ist zulässig für frühe Hypothesen, sollte aber nicht als Grundlage für belastbare Wirtschaftlichkeitsentscheidungen dienen.
Plausibilitätsregeln sind dabei unverzichtbar. Typische Prüfungen sind fehlende Werte, negative Verbräuche, Sprünge außerhalb definierter Bandbreiten, Abweichungen zu Rechnungen, unplausible Nachtlasten oder widersprüchliche Summen zwischen Haupt- und Unterzählern.
Schritt 6: Kennzahlen und Baselines aus dem Messkonzept ableiten
Ein Messkonzept ist erst dann vollständig, wenn klar ist, welche Kennzahlen daraus entstehen. Energiekennzahlen, im ISO-Kontext häufig EnPIs genannt, müssen zur jeweiligen Entscheidung passen. Ein absoluter Stromverbrauch ist für die Kostenkontrolle wichtig, sagt aber wenig über Effizienz aus, wenn Produktionsmengen stark schwanken.
Typische Kennzahlen sind Stromverbrauch je Stück, Gasverbrauch je Tonne Produkt, Wärmeverbrauch je Heizgradtag, Druckluftstrom je Betriebsstunde, Grundlastanteil außerhalb der Betriebszeit oder maximale Viertelstundenleistung. Für den Energieeinkauf sind zusätzlich Prognosegüte, Lastfaktor, Peak-to-Average-Verhältnis und Abweichungen zwischen geplanter und tatsächlicher Menge relevant.
Wichtig ist die Baseline. Sie beschreibt den Vergleichszustand, gegen den Verbesserungen bewertet werden. Eine Baseline ohne dokumentierte Einflussgrößen führt schnell zu Streit: War der niedrigere Verbrauch eine echte Verbesserung oder nur Folge geringerer Produktion, milder Witterung oder geänderter Betriebszeiten? Der BVGE-Artikel zu Energiekennzahlen nach ISO 50001 vertieft die Auswahl und Normalisierung solcher Kennzahlen.
Schritt 7: Verantwortlichkeiten und Routinen festlegen
Viele Messkonzepte scheitern nicht an Technik, sondern an fehlender Governance. Deshalb sollte für jeden relevanten Messpunkt festgelegt werden, wer für Datenzugang, Prüfung, Interpretation und Maßnahmenableitung verantwortlich ist.
Ein Messpunkt-Steckbrief sollte mindestens folgende Informationen enthalten:
- Zählername, Zählernummer, Medium und Standort
- Zugeordneter Bereich, Prozess oder Kostenstelle
- Datenquelle, Ableseweg und Aktualisierungsintervall
- Verantwortliche Person für Datenqualität und fachliche Bewertung
- Verwendete Einheit, Umrechnungsfaktoren und Zeitbasis
- Plausibilitätsregeln und Umgang mit Ersatzwerten
- Verknüpfte Kennzahlen, Berichte und Maßnahmenprozesse
Zusätzlich braucht es feste Routinen. Tages- oder Wochenchecks eignen sich für Lastspitzen, Anlagenfehler und Grundlast. Monatsberichte eignen sich für Kostenstellen, EnPIs und Maßnahmenstatus. Quartalsweise Auswertungen sind sinnvoll für Management-Reviews, Investitionsentscheidungen und Energieeinkauf. Wie solche Daten in ein steuerungsfähiges Reporting überführt werden, zeigt der BVGE-Leitfaden zum Energie-Controlling.
Praxisbeispiel: Messkonzept für einen Produktionsstandort
Ein mittelständischer Produktionsstandort möchte sein Energiemanagement professionalisieren. Vorhanden sind Strom- und Gasrechnungen, ein RLM-Stromlastgang, monatliche Gaszählerstände und einzelne Betriebsstundenzähler. Die größten Energieeinsätze sind Druckluft, Prozesswärme, Kälte und Lüftung.
Die erste Version des Messkonzepts könnte so aussehen: Der RLM-Stromlastgang wird monatlich automatisiert ausgewertet. Für Druckluft und Kälte werden Unterzähler installiert oder vorhandene Messwerte aus der Anlagensteuerung übernommen. Die Prozesswärme wird zunächst über Gasverbrauch, Betriebsstunden und Produktionsmengen bewertet. Für Lüftung und Gebäudetechnik werden Betriebszeiten, Sollwerte und Nachtlasten geprüft. Produktionsmengen werden aus dem ERP oder der Fertigungsplanung übernommen.
Damit entstehen vier konkrete Steuerungsmöglichkeiten. Erstens lassen sich Lastspitzen bestimmten Betriebszuständen zuordnen. Zweitens wird sichtbar, ob Querschnittstechnologien außerhalb der Betriebszeit unnötig laufen. Drittens können Effizienzmaßnahmen mit einer Baseline verglichen werden. Viertens verbessert das Unternehmen seine Prognosebasis für Strombeschaffung und Gasbeschaffung.
Der entscheidende Punkt: Das Unternehmen startet nicht mit Vollausstattung, sondern mit einer nachvollziehbaren Messlogik. Neue Messpunkte werden dort ergänzt, wo die erwartete Entscheidungsqualität den Aufwand rechtfertigt.
Minimaler 30-Tage-Plan für den Einstieg
Ein belastbares Messkonzept muss nicht in einem Großprojekt starten. Für viele Unternehmen reicht ein kompakter 30-Tage-Ansatz, um Transparenz zu schaffen und die nächsten Investitionen sauber zu begründen.
- Tag 1 bis 5: Bilanzgrenzen, Energieträger, Standorte, Kostenstellen und relevante Verträge zusammentragen.
- Tag 6 bis 10: Zählerliste, Rechnungen, Lastgänge, manuelle Ablesungen und verfügbare Anlagen- oder Produktionsdaten inventarisieren.
- Tag 11 bis 15: Wesentliche Energieeinsätze priorisieren und Datenlücken nach Kostenrelevanz, Beeinflussbarkeit und Auditbedarf bewerten.
- Tag 16 bis 20: Messhierarchie, Datenfrequenzen, Qualitätsklassen und Verantwortlichkeiten definieren.
- Tag 21 bis 25: Erste Kennzahlen, Baselines und Plausibilitätsregeln festlegen.
- Tag 26 bis 30: Umsetzungsplan für Unterzähler, Schnittstellen, mobile Messungen und Reporting beschließen.
Nach 30 Tagen sollte ein Unternehmen wissen, welche Daten bereits nutzbar sind, welche Messlücken kritisch sind und welche Investitionen in Messtechnik oder Software tatsächlich notwendig sind. Das ist auch eine gute Grundlage, um Fördermöglichkeiten zu prüfen. Bei Zuschüssen gilt regelmäßig: Erst Antrag und Bewilligung klären, dann verbindlich beauftragen. Hinweise dazu finden Sie im BVGE-Beitrag zur BAFA-Förderung im Energiemanagement.
ISO 50001, EnEfG und Auditfähigkeit
Für Unternehmen mit ISO-50001-System ist das Messkonzept ein zentraler Nachweis. Auditoren interessieren sich in der Praxis nicht nur dafür, ob Messgeräte vorhanden sind. Sie prüfen, ob Messung, energetische Bewertung, Kennzahlen, Baseline, Maßnahmen und Management-Review logisch zusammenhängen.
Ein auditfestes Messkonzept enthält deshalb die Verbindung zwischen wesentlichen Energieeinsätzen, Messpunkten, Datenqualität, EnPIs und Verbesserungsmaßnahmen. Es sollte außerdem dokumentieren, wie mit fehlenden Werten, geänderten Produktionsbedingungen, neuen Anlagen, Standortänderungen und veränderten Bilanzgrenzen umgegangen wird.
Auch außerhalb einer Zertifizierung kann ein Messkonzept relevant sein. Das Energieeffizienzgesetz und weitere Vorgaben können für Unternehmen mit hohen Energieverbräuchen Pflichten zur systematischen Erfassung, Bewertung und Umsetzung von Effizienzmaßnahmen auslösen. Welche Anforderungen konkret gelten, sollte immer anhand der aktuellen Unternehmenssituation geprüft werden. Eine verständliche Einordnung der Normanforderungen bietet der BVGE-Artikel zu DIN EN ISO 50001.
Typische Fehler beim Messkonzept
In der Praxis wiederholen sich bestimmte Schwachstellen. Sie kosten Geld, verschlechtern Entscheidungen und erschweren Audits.
- Zu viele Messpunkte ohne klare Entscheidungsfrage: Datenmengen steigen, aber niemand nutzt sie konsequent.
- Keine Verbindung zu Produktions- und Betriebsdaten: Verbrauch wird sichtbar, Effizienz aber nicht belastbar bewertbar.
- Unklare Zählerzuordnung: Standorte, Kostenstellen oder Anlagen werden falsch interpretiert.
- Fehlende Plausibilitätsprüfung: Ausreißer, Lücken und Ersatzwerte verfälschen Kennzahlen.
- Nur Jahres- oder Monatswerte: Lastspitzen, Nachtlasten und Betriebsfehler bleiben unsichtbar.
- Keine Verantwortlichen: Daten werden gesammelt, aber nicht fachlich bewertet.
- Baseline wird nachträglich verändert: Einsparnachweise verlieren Glaubwürdigkeit.
- Messkonzept und Energieeinkauf laufen getrennt: Lastprofile, Prognosen und Flexibilität werden nicht für Beschaffungsentscheidungen genutzt.
Die beste Gegenmaßnahme ist Einfachheit mit System. Starten Sie mit den wesentlichen Energieflüssen, definieren Sie klare Datenverantwortung und erweitern Sie die Messung nur dort, wo ein konkreter Nutzen entsteht.
FAQ zum Messkonzept im Energiemanagement
Wie detailliert muss ein Messkonzept im Energiemanagement sein? Es muss so detailliert sein, dass wesentliche Energieeinsätze, relevante Kostenhebel und vereinbarte Kennzahlen zuverlässig gesteuert werden können. Eine vollständige Einzelmessung aller Verbraucher ist meist weder erforderlich noch wirtschaftlich sinnvoll.
Was ist der Unterschied zwischen Messkonzept und Zählerkonzept? Das Zählerkonzept beschreibt vor allem die technische Zählerstruktur. Das Messkonzept definiert zusätzlich Zweck, Datenqualität, Frequenz, Verantwortlichkeiten, Kennzahlen, Plausibilitätsregeln und Nutzung der Daten für Entscheidungen.
Braucht ein Unternehmen für ISO 50001 überall Unterzähler? Nein. ISO 50001 verlangt ein angemessenes Monitoring der energiebezogenen Leistung. Entscheidend ist, dass wesentliche Energieeinsätze, Kennzahlen und Verbesserungen nachvollziehbar bewertet werden können.
Welche Datenfrequenz ist sinnvoll? Für Stromlastmanagement sind häufig 15-Minuten-Werte erforderlich. Für Monatsberichte, Wärmeanalysen oder strategische Kennzahlen können Tages- oder Monatswerte genügen. Die Frequenz sollte immer aus der jeweiligen Entscheidungsfrage abgeleitet werden.
Kann ein Messkonzept mit manuellen Ablesungen starten? Ja, wenn Ableseprozess, Verantwortlichkeiten und Datenqualität dokumentiert sind. Für kritische Verbraucher, Lastspitzen oder Maßnahmenbewertung ist jedoch eine automatisierte Erfassung oft deutlich zuverlässiger.
Wann lohnt sich neue Messtechnik? Neue Messtechnik lohnt sich, wenn dadurch relevante Kosten, Risiken oder Einsparpotenziale besser gesteuert werden können. Besonders sinnvoll ist sie bei wesentlichen Energieeinsätzen, häufigen Betriebsabweichungen, unklaren Lastspitzen oder auditrelevanten Kennzahlen.
Unterstützung durch BVGE
Ein Messkonzept wird dann wertvoll, wenn es nicht isoliert geplant wird, sondern mit Energieeinkauf, Energiemanagement, Energieeffizienz und Reporting zusammenarbeitet. Genau an dieser Schnittstelle unterstützt der BVGE gewerbliche Energienutzer in Deutschland.
Der BVGE e. V. und die BVGE Consulting GmbH begleiten Unternehmen bei der Strukturierung von Energiedaten, beim Aufbau praxistauglicher Energiemanagementsysteme, bei unabhängiger Strombeschaffung und Gasbeschaffung sowie bei der Bewertung von Effizienz- und Beschaffungshebeln.
Wenn Sie Ihr Messkonzept praxisnah erstellen oder bestehende Daten in belastbare Steuerungsinformationen überführen möchten, sprechen Sie den BVGE an. Weitere Informationen finden Sie unter bvge.energy.
